Dialekte (gr. διάλεκτος) – im Deutschen traditionell als lokal oder regional begrenzte, meist mündliche Sprachvarietäten verstanden – prägen trotz fortschreitender Standardisierung weiterhin die sprachliche Landschaft Europas. Während in Deutschland und Österreich vielerorts ein Rückgang traditioneller Dialekte und Ortsmundarten und eine Annäherung an standardnahe Regionalsprachen zu beobachten ist, zeigen die Schweizer Dialekte eine bemerkenswerte Stabilität und gar eine Expansion ihrer Gebrauchskontexte – obgleich auch hier Koineisierungstendenzen zu beobachten sind. Vergleichbare Dynamiken finden sich auch in anderen europäischen Regionen: Italien etwa hat eine ähnlich vielfältige Dialektlandschaft wie Deutschland; der Begriff dialetto umfasst teils jedoch auch eigenständige Sprachen. In Frankreich und Spanien ist der Begriff Dialekt weniger gebräuchlich, wenngleich auch hier z. B. ausgeprägte regionale Varietäten bestehen (français du Midi, español andaluz), die jedoch häufig eher abwertend, z. B. als patois, bezeichnet werden Im anglophonen Raum Großbritanniens führen starke regionale Unterschiede besonders für L2-Sprecher häufig zu überraschend großen Verständnisschwierigkeiten; und im Slawischen Sprachraum gibt es sowohl Sprachen, die als vergleichsweise einheitlich gelten (z. B. Polnisch, Russisch), auch solche mit sehr diversifizierten Dialekträumen (Ukrainisch, Slowakisch, Bulgarisch).
Ziel des Seminars ist es, zunächst zentrale Begriffe wie Dialekt, Sprache, Mundart, Regionalsprache, Standard und Schriftsprache zu definieren und voneinander abzugrenzen. Auf dieser Grundlage entwickeln wir dann einen gemeinsamen analytischen Leitfaden, der eine vergleichende Untersuchung verschiedener europäischer Dialektlandschaften ermöglicht. Folgende Aspekte stehen dabei u. a. im Fokus:
· Dialekträume: traditionelle Einteilungen und neuere Entwicklungen
· Vitalität: Sprecherzahlen, prozentuale Anteile, Trends der letzten Jahrzehnte
· Status: Prestige, Gebrauchsdomänen und soziale Bewertung
· Ausbau: schriftliche Verwendung, vorhandene Normierungsbemühungen (Grammatiken, Wörterbücher)
· Abstand: strukturelle Distanz zur jeweiligen Standardsprache
Die Studierenden bearbeiten jeweils die Dialekträume ihrer studierten Sprachen. Aus den vergleichenden Analysen soll im Laufe des Semesters ein noch genauer zu definierendes gemeinsames Abschlussprodukt (z. B. ein digitaler Reader, eine Seminarhomepage, ggf. eine Ausstellung) entstehen.
Natürlich san Dialekte im Seminar g’rad recht und jedazeit herzlich willkommn!