Theorie und Methode
Bilder hatten (oder haben?) es schwierig, in der textfixierten Geschichtswissenschaft ernst genommen zu werden – daran ändert lange auch der Umstand nichts, dass die Missachtung des genuinen Quellenwerts von Bildern beklagt wurde. Doch was wäre 9/11 oder die Fußball-WM von 2014 ohne die Erinnerung in Bildern? Erinnerung wir unsere Vergangenheit nicht mindestens so sehr in Bildern wie in Worten und Texten? Die Übung will dafür sensibilisieren, dass Bilder eben nicht objektiv, sondern sowohl ihre Produktion wie ihre Rezeption historisch-politisch bedingt sind. Sie sind somit keineswegs (nur) Abbild, sondern beeinflussen das Verhalten der beteiligten Akteure, zeigen geistige Einstellungen von Menschen und Epochen, dienen politischer Legitimation und lenken die Wahrnehmung des Betrachters (weshalb Bilder weit häufiger der Zensur anheimfallen als Texte). Finden Bilder überdies Eingang in das kulturelle Gedächtnis, kommt Ihnen einen zentrale Rolle bei der Bildung des Geschichtsbewusstseins zu. Die Übung wird verschiedene Ebenen der Bildanalyse umfassen, nach konkreten Produktionsbedingungen genauso fragen wie nach formalen und inhaltlichen Aspekten oder auch dem, was nicht abgebildet und also verschwiegen wird. Historische Aufnahme- und Rezeptionskontexte sind hierbei ebenso in den Blick zu nehmen wie bildimmanente Strukturen und die Verwendungspraxis von Bildern. Ziel ist der Nachweis, dass Bilder den Zeitgeist nicht nur reproduzieren, sondern ihn auch beeinflussen, mitunter sogar „an der Wirklichkeit etwas sichtbar machen, das wir ohne sie nie erführen“ (G. Boehm) – dass also anhand einer Mediengeschichte auch sozialgeschichtliche Fragen beantwortet werden können. Vor der konkreten Analyse ausgewählter Bilder aus der bayerischen Geschichte zwischen dem späten 19. und dem 21. Jahrhundert wird eine ausführliche Diskussion theoretischer Modelle der „visual history“ stehen. Die Bereitschaft zur selbständigen umfassenden Lektüre und Diskussion wird daher für die Teilnahme vorausgesetzt.
Einführende Literatur: Martin Schulz, Ordnungen der Bilder. Eine Einführung in die Bildwissenschaft, München 2005; Gerhard Paul, Von der Historischen Bildkunde zur Visual History; in: Ders. (Hrsg.), Visual History. Ein Studienbuch, Göttingen 2006, 7–36; Malte Zierenberg/Annelie Ramsbrock/Annette Vowinckel (Hrsg.), Fotografien im 20. Jahrhundert. Verbreitung und Vermittlung, Göttingen 2013; Thomas Hertfelder, Die Macht der Bilder. Historische Bildforschung, in: Andreas Wirsching (Hrsg.), Oldenbourg Geschichte Lehrbuch. Neueste Zeit, München 2009, 281–292.