Räume existieren nicht einfach, sondern werden fortlaufend gemacht – so
auch in Bayern und Böhmen, die gerne als kontinuierlich verlaufende und
zusammengehörende Kulturlandschaft romantisiert werden, und auch in der
von beiden geteilten Grenze/Grenzregion, die als eine der ältesten
Europas gilt und dennoch starken Wandlungsprozessen unterworfen war und
ist. Das Projektseminar beschäftigt sich mit öffentlichen visuellen und
narrativen Repräsentationen dieser Räume, den unterschiedlichen
Begrifflichkeiten und ideologischen Konzepten, die damit verbunden
werden, sowie den darin ablesbaren Fremd- und Selbstbildern. Diese
Raumerzählungen und Raumbilder Bayerns, Böhmens und ihrer verflochtenen
Grenzregion werden in ganz verschiedenen Zusammenhängen, Medien und
Formaten verhandelt, erzählt, visualisiert, öffentlich sichtbar gemacht
und propagiert oder auch verborgen und marginalisiert: in diversen
Regional- und Grenzmuseen (z. B. in Domažlice, Furth im Wald,
Waldmünchen oder Passau); in Historischen Festspielen wie dem Further
Drachenstich oder Trenck der Pandur; in Land- wie Ansichtskarten; in
Filmen, literarischen oder autobiographischen Erzählungen. Mit all
diesen Facetten möchte sich das Seminar anhand exemplarischer und
aussagekräftiger Beispiele beschäftigen. Am Beginn stehen dabei
theoretisch-methodische Überlegungen zu Raumtheorien/Border Studies,
Narratologie, Bildforschung und Museumsanalyse. Sodann werden in
kleineren Arbeitsgruppen verschiedene, in unterschiedlichen
Zeitkontexten entstandene Raumbegriffe und -konzepte aus dem
bayerisch-böhmischen Gebiet untersucht (z. B. „Bayerische Ostmark“,
„Zonenrandgebiet“, „pohraničí“, „Grünes Band“ etc.) sowie die erwähnten
Medien und Formate erfasst, dokumentiert und analysiert, mit denen
Bayern, Böhmen und die Grenze öffentlich wirksam präsentiert,
symbolisiert und verankert wird (Ansichts- und Landkarten, Museen,
Inszenierungen und Reenactments, Logos der Tourismuswerbung usw.).
Welche Akteur*innen, Fördermechanismen und Funktionsweisen stehen hinter
den öffentlichen räumlichen Repräsentationen? Welche Narrative,
Raumorientierungen und region brandings scheinen in ihnen auf und/oder
werden von ihnen (neu) geprägt? Und (wie) sind diese diachron und
synchron aufeinander bezogen? Welche Formen und Möglichkeiten der
politischen oder ökonomischen Instrumentalisierung und Vermarktung gibt
es, und wie haben sich diese gewandelt? Schließlich ist es das Ziel des
Projektseminars, auf der Basis dieser Recherchen und Erkundungen
Konzepte, Wege und Kooperationen zu entwickeln, die Ergebnisse für eine
breitere Öffentlichkeit zu vermitteln und dabei mit digitalen wie
analogen Formen und Formaten zu experimentieren. Sie sollten für die
Tatsache sensibilisieren, dass Raumdarstellungen und die
dahinterstehenden Fremd- und Selbstbilder niemals naturnotwendig,
sondern immer gemacht sind. Und sie sollten nicht zuletzt dazu dienen,
in Austausch und Kontakt mit Akteur*innen aus der Praxis zu treten und
damit auch Kompetenzen im Projekt- und Kulturmanagement zu sammeln.
Literaturhinweise:
Lefebvre,
Henri (2006 [1974]): „Die Produktion des Raums“, Erstübersetzung durch
Dünne, Jörg zu: „La production de l'espace“. In: Dünne, Jörg/Günzel,
Stephan (Hrsg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und
Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 330–342.
Gerst, Dominik/Klessmann, Maria/Krämer, Hannes (Hrsg.) (2021):
Grenzforschung. Handbuch für Wissenschaft und Studium. Baden-Baden:
Nomos. Eisch, Katharina (1996): Grenze. Eine Ethnographie des
bayerisch-böhmischen Grenzraums. München: Kommission für bayerische
Landesgeschichte/Institut für Volkskunde. Löffler, Bernhard (2024): Das
Land der Bayern. Geschichte und Geschichten von 1800 bis heute. München:
C.H. Beck. Skriebeleit, Jörg (2001): „Vom Ende der Welt zur Mitte
Europas. Fremd- und Selbstwahrnehmung an der bayerisch-böhmischen Grenze
nach 1989“. In: Roth, Klaus (Hrsg.): Nachbarschaft. Interkulturelle
Beziehungen zwischen Deutschen, Polen und Tschechen. Münster: Waxmann
Verlag, 327–348. Bruckner, Felix (2024): „Die Grenze im Museum.
Narrative der von Bayern und Böhmen geteilten Grenzregion“. In: ForAP.
Forschungsergebnisse von Absolventen und Promovierenden der Fakultät für
Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften 7, 9–28.