Zwei gegensätzliche Rollen bestimmen das verbreitete Bild der Frau im
Mittelalter: Zum einen die ganz vom Ehemann abhängige hûsvrouwe ohne
Rechte oder eigenes Vermögen, zum andern die höfische Dame, die von
einem Ritter bedingungslos verehrt wird. Beide Wahrnehmungen halten
einer genaueren historischen Prüfung nicht stand. Während Ehefrauen in
der mittelalterlichen Stadtgesellschaft durchaus als selbstbewusste
wirtschaftliche Teilhaberinnen auftreten konnten, ist die Unterordnung
des adeligen Mannes unter seine Minnedame ein literarisches Konstrukt
ohne Auswirkung auf die höfische Realität. Die Lebensbedingungen und
-welten mittelalterlicher Frauen müssen zwischen den Extremen der
Rechtlosigkeit und Verherrlichung gesucht werden. Im Proseminar wollen
wir uns deswegen auf die Suche machen nach den rechtlichen Grundlagen,
Handlungsoptionen und Gestaltungspielräumen von Frauen in verschiedenen
gesellschaftlichen Bereichen, der Welt von Adel und Hof, dem Kloster und
Religiosentum sowie der Stadtgesellschaft. Dabei werden wir
unterschiedlichen Frauen und deren Biographien begegnen, wie der
ottonischen Kaiserin und Alleinregentin Theophanu (+991), der Äbtissin,
Theologin und Universalgelehrten Hildegard von Bingen (+1179), aber auch
weniger bekannten Frauen, wie der jugendlichen Visionärin Alpais de
Cudot (+1211) oder der Regensburger Geschäftsfrau Margarete Runtinger
(+1410). Die weiblichen Wirkungsbereiche erlauben den Blick auf ein
reiches Quellenspektrum, von Visionsliteratur und theologischen
Traktaten über literarische Werke und Verwaltungsschrifttum. In diesem
Sinne stellt das Proseminar eine systematische Einführung in das Studium
der mittelalterlichen Geschichte, die dafür nötigen Methoden und
Hilfsmittel sowie zentrale Quellengattungen des Mittelalters dar. Die
Techniken wissenschaftlichen Schreibens werden eingeübt und so auf das
Verfassen einer Hausarbeit vorbereitet.
- Trainer/in: Ljubov Avila
- Trainer/in: Susanne Ehrich
- Trainer/in: Sonja Neumeier

