"Disasters breed jokes", schrieb der amerikanische Erzählforscher und Volkskundler Alan Dundes (Berkeley) im Jahr 1987 in Hinblick auf eine Welle von Witzen zur damals akuten Furcht vor AIDS. Tatsächlich liegt im Humor eine der populärsten kulturellen Strategien, Katastrophen, Ängste und Bedrohungen erzählerisch zu bewältigen. Auch am Beispiel des Challenger-Unglücks (1986), der Anschläge vom 11. September 2001 oder der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat die internationale Erzählforschung nachgewiesen, wie Witze gesellschaftlich entlastend wirken und dabei helfen, das Außeralltägliche zu veralltäglichen (vgl. z. B. Ellis 2001; Kuipers 2002; Morrow 1987; Schneider 2016).
Für das Erzählen im Internet nehmen in diesem Kontext MEMEs eine herausragende Rolle ein. Dies gilt auch für das aktuelle massenmediale Erzählen zur Covid-19-Krise. Reichweiten- und nutzerstarke Plattformen wie 9gag, 4chan, Reddit und andere generieren Tausende von MEMEs, die sich mit dem Thema ‚Corona’ auseinandersetzen. Bei MEMES handelt es sich um weitgehend anonyme, sich rasch verbreitende Bildergruppen, häufig mit Textkomponente, die sich tagesaktuell auf humorvolle, meist ironische Weise mit gesellschaftlich akuten Themen oder popkulturellen Phänomenen auseinandersetzen (vgl. Shifman 2014). Aufgrund ihrer Viralität und enormen Reichweite, dienen sie häufig auch als Vehikel für visuelles Storytelling in identitätspolitischen Konflikten, nicht selten auch mit rassistischen oder diskriminierenden Botschaften, und verweisen so auf größere gesellschaftspolitische und alltagskulturelle Problemlagen.
Vor diesem Hintergrund versteht dieses Seminar MEMEs im Anschluss an Hermann Bausinger als „Bilderwitze", die wir als „kulturgeschichtliche Zeugnisse“ (Bausinger 1995) nutzen können. Am Beispiel des Themas ‚Corona‘ untersuchen wir, wie das visuelle Storytelling über MEMEs im Internet funktioniert. Dabei versuchen wir, ausgehend von einer breiten, kollaborativen Materialsammlung, die Bilder und ihre Botschaften zu Covid-19 als Indikatoren für weiterreichende gesellschaftliche Konflikte zu analysieren, etwa in Hinblick auf Generationenkonflikte, Kapitalismuskritik oder rassistische und kolonialistische Untertöne. Ziel ist nicht nur eine breite Sammlung und Dokumentation von Corona-Memes, sondern vor allem auch, zu verstehen, welche dahinterliegenden alltagskulturellen Ängste, Konflikte und Bedürfnisse die Bilder angesichts der Covid-19-Pandemie artikulieren.