Den Regionalwissenschaften (area studies) geht mitunter
der Ruf voraus, eher locker in disziplinäre Diskussionen und enger in
politische Netzwerke eingebunden zu sein. Die Kritik bezieht sich auf die
gesamte Geschichte der Area Studies seit dem 19. Jahrhundert: Zum Beispiel auf
ihre Nähe zu britischen und französischen Kolonialbehörden, deren Herrschaft
Regionalspezialisten aus Anthropologie oder Orientalistik angeblich
erleichterten; auf die Instrumentalisierung der (Süd)Osteuropakunde durch
Nationalsozialisten, Kalte Krieger und schließlich auf heutige Denkfabriken
verschiedener Couleur, die auf Osteuropa-Expertise zurückgreifen, um
postsozialistische Gesellschaften in ihrem Sinne zu transformieren.
Die Vorwürfe übermäßiger Politiknähe konnten,
trotz der Aufarbeitung der „orientalistischen“ und nationalsozialistischen
Verstrickungen, auch deshalb nicht ad acta gelegt werden, weil seit 1989 immer
neue Krisen eine Zusammenarbeit von Area Studies und Politik begünstigen, sei
es bei den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien und in der Ukraine, bei der
Migrations- und Fluchtproblematik oder dem Phänomen des sogenannten
Rechtspopulismus. Durch Themen wie Corona und Klima ist zudem ein verstärkter Szientizismus
in die Politik eingezogen, d.h. Politik wird heute mehr als früher mit „der“
Wissenschaft begründet, die angeblich dieses oder jenes zwingend verlange.
Dadurch erhalten Forschende zwar öffentliche Aufmerksamkeit, laufen gleichzeitig
aber auch Gefahr ihre Freiheit einzubüßen, weil die Politik von ihnen eindeutige
Botschaften verlangt. Die moderne, auf Produktivität getrimmte Universität ist
ebenfalls Teil dieses Problemkomplexes, denn sie erwartet öffentliche Präsenz
und eine „dritte Mission“ über den Tellerrand der Wissenschaft hinaus als
Bringschuld gegenüber der Gesellschaft.
In der Übung setzen wir uns tiefer mit diesen
Prozessen auseinander und überlegen in einer Art Zukunftswerkstatt, welche Art
von Area studies und welche Beziehung zur Politik eigentlich wünschenswert
sind.
Leistungsnachweis: Regelmäßige Teilnahme,
Lektüre, Referat.
Einführende Literatur: Katrin Boeckh, Hermann
Beyer-Thoma: Osteuropa in Regensburg. Institutionen der Osteuropa-Forschung aus
ihrer historischen Perspektive. Regensburg 2008.