Die Provinz Québec nimmt als frankophone „Nation“ und damit als „exception culturelle“ eine Sonderstellung auf dem amerikanischen Kontinent ein. Neben Frankophonen und Anglophonen und Angehörigen verschiedener Premières Peuples machen heute zudem Immigrant:innen aus aller Welt die innere Diversität des modernen Einwanderungslandes aus. Es überrascht daher nicht, dass die nationale und kulturelle Selbstbestimmung im Spannungsfeld transnationaler Verortung und interner Verhandlung in Québec besonders virulent und kontrovers vorgetragen wird.
Québec definiert sich über seine Geschichte – die Wurzeln in einer doppelten französischen und britischen Kolonialisierung mit ihren Konflikten zwischen den europäischen ‚Gründernationen‘ und verschiedenen Phasen des Kulturkontakts, des Kulturkonflikts und der kolonialen Beherrschung und Assimilierung der autochthonen Völker. Es beruft sich auf die nationale Spezifik, das europäische Erbe und diskutiert seine Verankerung im geteilten Raum Amerikas. Zu diesen Erinnerungsorten kommen seit den 1960er Jahren solche, die Québec als zukunftsorientiertes, modernes und inklusives Gesellschaftsprojekt neu erfinden und dabei ab den 1980er Jahren Geschichten von Migration, Flucht, Exil und Diaspora und von der Integrationsleistung und dem Ankommen von Neubürgerinnen und -bürgern integrieren. Konflikte und Herausforderungen des multikulturellen und interkulturellen Zusammenlebens werden dabei nicht ausgespart – oft aber tragen die Texte performativ zum Ziel einer integrativen Gesellschaft bei. Im 21. Jahrhundert werden zudem die Stimmen von autochthonen Kreativen immer stärker gehört, die die Aufarbeitung der Verbrechen der Kolonialgeschichte, den Ausgleich sozialer Benachteiligung und Marginalisierung in der Gegenwart und gleichberechtigte Wertschätzung ihrer Kulturtraditionen einfordern.
Die Vorlesung versteht sich als Einführung in die Geschichte, Gesellschaft und Kultur Québecs im 20. und 21. Jahrhundert, wobei die verschiedenen Identitätsnarrative und ihre Dialogizität einen roten Faden abgeben werden. Einen besonderen Fokus legt die Vorlesung auf den Beitrag von (Erzähl-)literatur, Literaturverfilmungen, Spiel- und Dokumentarfilmen zum Nationbuilding und zur Verhandlung von Erinnerungsorten, Identität(en) und Gesellschaftsentwürfen. Freuen Sie sich zudem auf Gastvorträge, die unser Programm bereichern werden.
Zum Einlesen werden empfohlen:
Die Québec betreffenden Kapitel in: Ursula Lehmkuhl (Hg.): Länderbericht Kanada. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2018. [Das Buch kann preiswert über die Bundeszentrale bezogen werden!]
John Dickinson/Brian Young: A Short History of Quebec. Montréal u.a.: McGill-Queen’s University Press, 2008.
Marcel Jean: Le cinema québécois. Montréal: Boréal, 2005.
St-Gelais, Myriam: Une histoire de la littérature innue. Montréal/Uashat: Imaginaire ǀ Nord et InstitutTshakapesh, 2022.
Die Kapitel zur Literatur Québecs in: Konrad Groß/Wolfgang Klooß/Reingard M. Nischik (Hg.): Kanadische Literaturgeschichte. Stuttgart/Weimar: Metzler, 2005.