Wann ist Sex moralisch problematisch, wann moralisch unproblematisch? Die Ansichten darüber haben sich in einem atemberaubenden Tempo geändert. In nur wenigen Jahrzehnten hat sich in den liberalen, pluralistischen Demokratien der westlichen Welt seit der Mitte des 20 Jh. die Auffassung durchgesetzt, dass in sexuellen Dingen fast alles erlaubt ist, womit die beteiligten Personen einverstanden sind, und alles verboten, was nicht einverständlich geschieht. Dagegen betrachtet die noch immer hier und da vertretene, aber immer seltener gelebte christliche Sexualethik Einverständlichkeit bestenfalls als eine notwendige, aber nie als eine hinreichende Bedingung der moralischen Zulässigkeit. Als erlaubt gilt dieser Lehre allein der für Zeugung und Empfängnis offene Sex zwischen einer Frau und einem Mann, wenn beide miteinander verheiratet sind. Aber nicht nur Christen und andere Vertreter/innen einer konservativen Sexualmoral halten den Standard des Einverständnisses in sexuellen Dingen für unzureichend. Auch radikale Feminist/inn/en denken, dass Einverständnis sexuelle Interaktionen nicht automatisch zu moralisch erlaubten Handlungen macht. In einer Kultur, in der Frauen systematisch ökonomisch und sozial benachteiligt sind und stets und ständig mit sexuellen Übergriffen zu rechnen haben, kann, so denken etwa Carol Pateman und Catherine MacKinnon, das bloße Einverständnis einer Frau zu Sex nicht ausreichen.
Wir werden uns die vor allem in der angelsächsischen Philosophie systematisch geführte Debatte über die Rolle und Bedeutung von Einverständnis für sexuelle Interaktionen Schritt für Schritt erschließen. Zunächst werden wir diskutieren, was moralisch signifikantes Einverständnis überhaupt ist: eine innere Einstellung, eine bestimmte Handlung oder ein Sprechakt? Und wenn es eines äußeren (Sprech-)Aktes bedarf, wie muss dieser Akt dann beschaffen sein? Muss er direkt und verbal vollzogen werden? Oder reicht es aus, Einverständnis zu implizieren? Welche Rolle spielen Konventionen und pragmatische Vorverständnisse für Einverständnis? Wie sorgt Einverständnis dafür, dass die moralischen Verhältnisse sich verändern und nicht erlaubte Handlungen zu erlaubten werden? Unter welchen Bedingungen ist das Einverständnis, das jemand gibt, gültig, und unter welchen ist es ungültig? Das Einverständnis von Kindern und durch Drogen benebelte Menschen zum Beispiel zählt ja bei sexuellen Handlungen nicht. Dann werden wir einen Blick auf die Argumente der bereits genannten Philosoph/innen werfen, die bestreiten, dass Einverständnis für Erlaubtsein ausreicht. Und wir werden systematisch den Fragen nachgehen, ob tatsächlich jede sexuelle Interaktion, bei der es kein Einverständnis gibt, moralisch problematisch ist und welche Ausnahmen es von der Regel gibt, dass einverständlicher Sex erlaubt ist. Schließlich wollen wir wissen, ob es irgendeine einheitliche Erklärung für die Beobachtung gibt, dass Einverständnis oft relevant ist, manchmal aber nicht.
Die Fähigkeit und Bereitschaft zur Lektüre englischsprachiger Texte ist eine unabdingbare Voraussetzung der Teilnahme am Seminar.