»Wer soll schon der Geschichte glauben, dass ein Kind von der Lamia verschlungen und dann noch lebendig aus ihrem Bauch gerettet wurde?« So kommentiert Horaz (Ars 338–340) die Erzählungen römischer Großmütter an ihre Enkelkinder. Jedem europäischen Leser von heute kommt dabei Rotkäppchen in den Sinn. Dies ist einer der seltenen Fälle, in denen antike Folklore in einer bis heute erhaltenen literarischen Quelle überliefert ist.
Folklore wird als das Erbe an Wissen und Bräuchen definiert, das in einer Gesellschaft außerhalb der anerkannten Bildungswege weitergegeben wird. Für Griechen und Römer entsprach dies den Vorstellungen und Gewohnheiten der apaideutoi, jener, die keine Bildung erhalten hatten, die sie zu reifen Bürgern machte.
Zu den apaideutoi gehörten Fremde, Sklaven, Frauen und Kinder. Die Textverfasser – fast ausschließliche Nutznießer der Alphabetisierung – ließen die Überzeugungen der Ungebildeten bewusst aus ihren Werken heraus, da sie diese für ihres intellektuellen Niveaus unwürdig hielten. Das führte dazu, dass das von diesen sozialen Gruppen geteilte Kulturerbe nur am Rande in die antiken Quellen einfloss, und zwar meist in abwertenden Erwägungen.
Diese Übung will die anthropologische Bedeutung dieser Folklorefragmente unterstreichen. Nach einer methodischen Einführung in die Folkloristik der Antike wird man verschiedene Fallstudien im Detail betrachten: Dazu gehören u.a. der antike Ursprung einiger heute bekannter Märchen sowie Erzählungen über Werwölfe und Spukhäuser in Athen und im Latium.