Der Begriff der Performanz ist noch relativ jung und hat in den letzten zwei Jahrzehnten auch in den Medienwissenschaften Karriere gemacht. Dort wird er vor allem als ästhetischer Begriff in Bezug auf die Künste verwendet: Performativ sind solche Kunstformen, die den Prozess in den Mittelpunkt stellen und als Ereignis zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort stattfinden. Die älteste performative Kunst ist vermutlich das Theater. Als um 1800 die Künste autonom zu werden versuchen, werden allerdings Kriterien für die Kunst definiert, die der Struktur der Aufführung diametral entgegengesetzt zu sein scheinen: Es gelten diejenigen Künste als ästhetisch am Wertvollsten, die ein monomediales materielles Werk generieren, das einem Einzelkünstler-Genie zugeschrieben werden kann und das zeit- und teilweise auch ortsunabhängig rezipiert wird, sprich: die Malerei, die Literatur und die Skulptur. Die multimedialen und ephemeren Aufführungskünste, die zudem noch auf die Kooperation vieler angewiesen sind, geraten zunehmend in Konflikt mit diesem sich durchsetzenden werkorientierten Kunstbegriff. Mit den Avantgarden des 20. Jahrhunderts rückt die Aufführung mit ihren spezifischen Eigenschaften der Multimedialität, des Einmaligen und durch die Präsenz aller Anwesenden zumindest potentiell Interaktionsintensiven erneut in den Fokus. Es entstehen neue Formen der Aufführung wie Performances und Happenings, aber auch die mit den digitalen Medien sich entwickelnde interaktive Medienkunst adaptiert bestimmte Eigenschaften der Aufführungskünste. Damit einher geht auch eine zunehmende Theoretisierung dieser spezifischen Charakteristika seit den 1960er Jahren, die die Übertragung des ursprünglich aus der Sprachwissenschaft stammenden Begriffs der Performanz in die Künste und dessen inhaltliche Ausdifferenzierung zur Folge hat.
Das Seminar befasst sich anhand von Texten und Beispielen mit den historischen, theoretischen und praktischen Aspekten des Performanzbegriffs in den Künsten seit 1900.