Eine einzigartige dynastische Konstellation führte im 16. Jahrhundert dazu, dass der Habsburger Karl V. zum Herrscher eines kontinentübergreifenden Weltreiches aufstieg, in dem – so eine zeitgenössische Äußerung – die Sonne nie unterging. Tatsächlich herrschte der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit seiner Familie über einen weitläufigen Machtbereich, zu dem inter alia Böhmen, Ungarn, die Niederlande, die spanischen Königreiche, Neapel und wachsende Teile der ‚Neuen Welt‘ zählten. Der multipolare Territorialkomplex war indes fragmentiert und umkämpft; ferner bildeten die Reformation, der Konflikt mit dem Haus Valois, die osmanische Expansion sowie Konflikte mit den Ständen zentrale Herausforderungen.
Diese Ambivalenz stellt eine Erklärung der Faszination von Forschung, Literatur und Populärkultur für einen historischen Akteur dar, den wir im Kurs aus verschiedenen Blickwinkeln kennenlernen. Dabei ist die biographische Annäherung nur ein Aspekt des Proseminars. So lassen sich ausgehend von dieser interessanten historischen Persönlichkeit erstens zentrale politische, ökonomische und kulturelle Entwicklungen am Beginn der Frühen Neuzeit untersuchen. Zweitens ermöglicht es die von unterschiedlichen Wertungen geprägte Erforschung Karls, grundlegende Fragen geschichtswissenschaftlichen Arbeitens zu thematisieren – etwa den Paradigmenwechsel hin zur Strukturgeschichte oder die Wandelbarkeit historiographischer Urteile.