Bevor die Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen ungefähr 100 Jahre nach Ersterscheinung in den Kanon der deutschen Nationalliteratur eingingen und seitdem einen zentralen Bestandteil im privaten Umfeld und der Schule darstellen, entfaltete sich ein komplexes Spannungsfeld zwischen einer desideraten „Urform“ und einer „Kinderkonzeption“. Dahinter stecken gattungstheoretische Einordnungen, die Märchen in Volks-, Buch- oder Kunstmärchen teilen sowie sozialhistorische Komponenten und pädagogische Überlegungen. Gleichzeitig lässt sich oftmals ein kulturgeschichtliches Aufgreifen von (ausländischen) Vorlagen, bereits bekannten Stoffen oder auch gegensätzliche Bestrebungen in Kritik von anderen Märchenautoren erkennen.
Im Vertiefungsseminar „Märchen des 19. Jahrhunderts“ soll diesen Hintergründen systematisch, diachron und in Einzelanalysen nachgegangen werden. Hierfür sollen Primärtexte wie Märchen aus den sieben Auflagen der Grimm’schen Kinder- und Hausmärchen (1812-1857) sowie aus den zeitgenössisch besonders beliebten Sammlungen wie Albert Ludwig Grimms Lina’s Mährchenbuch (1837) oder Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch (1847) herangezogen werden. Ebenfalls sollen Märchen wie Ludwig Tiecks Die Elfen (1812), Adelbert von Chamissos Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1813), E.T.A. Hoffmanns Klein Zaches genannt Zinnober (1819) oder Wilhelm Hauffs Das kalte Herz (1827) herangezogen werden. Interkulturelle sowie (un-)emanzipatorische Aspekte sollen durch Gegenüberstellungen mit beispielsweise Charles Perraults Le chaperon rouge oder dem russischen Märchen Baba Jaga erfolgen.
Damit sollen die Studierenden vertiefte literaturgeschichtliche Hintergründe zu Märchen im 19. Jahrhundert erhalten, gattungstheoretische Einordnungen verstehen und ihren Lesehorizont erweitern. All dies ist im Hinblick auf das Staatsexamen, die Behandlung in Schulen (v.a. Realschule und Gymnasium) und die geplanten Schulbesuche ausgerichtet.
Zu jedem der Texte erhalten die Studierenden verschiedene Forschungslinien, nach denen über die eigene Annotationsplattform text.ur annotiert (markieren, kommentieren, taggen) wird, womit ein zielgerichteter Einsatz von Anwendungen der Digital Humanities stattfindet und die Freude am Annotieren durch einen Gamification-Ansatz gesteigert werden soll. Für ihre kurzen Informationsinputs und Diskussionsmoderationen wählen die Studierenden jeweils einen oder zwei Impulse zu einem Werk aus. Die Sitzungen sollen in der Universität und wahlweise auch in der Schule stattfinden.
Das Seminar versteht sich als Beitrag zur Vertiefung und Differenzierung der Epochenkenntnisse, der Fähigkeit zur historischen Kontextualisierung literarischer Texte, der Gattungskompetenz sowie zur Schulung der Fähigkeit der eigenständigen Aneignung, Aufbereitung und Diskussion fachlichen Wissens.