Die mittelalterliche Kultur ist in vielfältiger Hinsicht von ganz
unterschiedlichen, agonalen Kommunikationsformen geprägt, die in einem
mehr oder weniger öffentlichen Raum stattfinden konnten:
Streitgespräche, Disputationen, Spott- und Provokationsreden, aber auch
Lehrgespräche oder Selbstgespräche, die wie Gespräche mit einem
Gegenüber (dem ‚Anderen‘) konzipiert sind. In diesen Dialogformen finden
sich kulturelle, religiöse, geschlechtliche und soziale Differenzen
reflektiert: Es geht um Fragen von Macht und Autorität, um
(Glaubens-)Wahrheit und Identität. Interessant sind gerade die Formen
der Dialogizität, die wie Wettkämpfe konzipiert sind, in denen konträre
Ansichten über das Wahre, das Richtige etc. einander gegenübergestellt
werden. Denn wer hat letztlich die Deutungshoheit? Wie generieren ganz
unterschiedliche Textgattungen Überzeugungen? Wie wird argumentiert und
mit Worten gestritten? Mittels Wunderwirken und Zweikämpfen wird die
Argumentation mitunter ohne Worte beendet.
Anhand zweier ‚Autoren‘ fragen wir nach potentiellen Regeln und
Strategien dieser Kommunikationsformen. Zum einen steht das Werk
Hartmanns von Aue im Mittelpunkt, insbesondere der Artusroman ‚Iwein‘
und die höfischen Legenden ‚Gregorius‘ und ‚Der Arme Heinrich‘. Zum
anderen wird das in etwa zeitgenössische Mirakelbuch des Zisterziensers
Cäsarius von Heisterbach in den Blick genommen, das als Lehrdialog
zwischen einem Novizen und seinem Meister konzipiert ist (‚Dialog über
die Wunder‘), aber auch intern zahlreiche agonale Gesprächssituationen
wiedergibt.
Von der gemeinsamen Textarbeit von Literaturwissenschaftler*innen und
Historiker*innen sowie von den geplanten Stadtspaziergängen in
Regensburg und Erlangen/Nürnberg versprechen sich die beiden Lehrenden
eine produktive Diskussionsatmosphäre, die neue Sichtweisen auf Texte
und Kontexte des 13. Jahrhunderts erlaubt.