Europa ist sprachlich weit vielfältiger, als es die offiziellen Staats- und Nationalsprachen vermuten lassen. In nahezu jedem europäischen Land existieren autochthone Minderheiten, deren Sprachen sich von der jeweiligen Mehrheits- oder Nationalsprache unterscheiden. Einige dieser Minderheiten sind international bekannt – etwa die deutschsprachige Gemeinschaft in Südtirol, das Katalanische, Walisische und Rätoromanische oder auch das Ungarische in Rumänien. Andere bleiben im öffentlichen Bewusstsein kaum sichtbar, darunter z. B. Kornisch, Manx, Niederdeutsch, Istrioto, Mirandesisch, Judenspanisch, Romani, Russinisch oder Gagausisch.
Die Minderheitensprachen Europas unterscheiden sich erheblich hinsichtlich ihrer Vitalität, etwa in absoluten und anteiligen Sprecherzahlen, intergenerationaler Weitergabe und gesellschaftlichem Ansehen. Ebenso variieren Ausbau und Standardisierung – von schriftlichen Traditionen, Grammatiken und Wörterbüchern bis hin zur Sichtbarkeit im öffentlichen Raum, Präsenz in den Medien, im Bildungssystem und der Verwaltung – sowie die spezifischen rechtlichen Rahmenbedingungen, die ihren Schutz, aber auch ihre Gefährdung bestimmen. Gemeinsam ist den Minderheitensprachen jedoch in der Regel ein hoher Grad an gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit sowie eine jahrhundertelange intensive Sprachkontaktsituation, die sprachliche Spuren in den Minderheitensprachen selbst, aber meist auch in den dominanten Umgebungssprachen hinterlassen hat.
Im Seminar definieren und diskutieren wir zunächst zentrale Konzepte wie Minderheitensprache, Sprachrechte, Vitalität, Ausbau, Sprachpolitik und Sprachplanung. Auf dieser Basis entwickeln wir dann einen gemeinsamen analytischen Leitfaden, der einen strukturierten Vergleich einzelner Minderheitensprachen ermöglicht. Anschließend arbeiten die Studierenden – einzeln oder in Gruppen – zu einer oder mehreren Minderheitensprachen, idealerweise aus dem Land bzw. Sprachraum, dessen Sprache sie studieren. Am Ende werden die Ergebnisse zusammengeführt, vergleichend ausgewertet und im Hinblick auf aktuelle Herausforderungen des Spracherhalts sowie mögliche Handlungs- und Schutzstrategien diskutiert. Expertenbesuche ergänzen das Seminarprogramm